Das Spezialoperationen-Bootsteam (SBT)

Mit der Überführung der Waffentauchergruppe (Juli 2003) in die neue Organisationsstruktur der Spezialisierten Einsatzkräfte Marine (SEKM) hat die Deutsche Marine ein Bataillon geschaffen, das wie kein anderes die Handlungsfähigkeit der Seestreitkräfte der Bundesrepublik Deutschland auch in sich ändernden Lagen sowie Bedrohungen unterstützt und ein entscheidendes Mittel der nationalen Risikovorsorge darstellt. Mit der Umgliederung wurde innerhalb der Kampfschwimmerkompanie (KpfSchwKp) eine eigene organische Unterstützungseinheit, die Einsatzgruppe See (EinsGrpSee), materiell und personell aufgestellt. Die Aufstellung dieser Einsatzgruppe (TEAM) resultiert aus Erfahrungen vergangener Einsätze der seit 1959 existierenden und ältesten Spezialeinheit Deutschlands.

Die Kampfschwimmer profitieren dabei auch aus Erfahrungen unserer Verbündeten; hier insbesondere durch rege Zusammenarbeit mit den US-Navy SEALs. Beginnend mit dem seit 1975 existierenden Personal Exchange Program wurden diese konsequent in Einsatzverfahren (Standard Operating Procedures) und Konzepten der KpfSchwKp umgesetzt. Die US-Navy SEALs haben mit den Special Boat Teams (SBT) 2002 eine hochmobile und schlagkräftige Verbringungseinheit aufgestellt, die oftmals und fälschlicherweise als Nebenprodukt der Seal Teams (Boat Support Unit) angesehen wurde – heute aber das Rückgrat der seegehenden Beweglichkeit der Naval Special Warfare darstellt.

Das deutsche Pendant zu dem in Bataillonsstärke aufgestellten SBTs der US-Navy ist die an Größe und Struktur angepasste Spezialoperationen-Bootsteam (SBT) der Kampfschwimmer. Das Spezialoperationen-Bootsteam rekrutiert sich aus speziell ausgesuchten, ausgebildeten und ausgerüsteten Unteroffizieren der Verwendungsreihe 11 (Decksdienst) und 42 (Schiffsantriebstechnik); geführt durch einen Offizier und Portepeeunteroffiziere der Verwendungsreihe 34 (Kampfschwimmer). Als Wasserplattform dienen u.a. Jet-angetriebene Festrumpf-Schlauchboote Rigid Hull Inflatable Boats (RHIB), die sich durch ihren geringen Tiefgang, hohe Geschwindigkeit, Feuerkraft und Manövrierbarkeit auszeichnen. Die Unteroffiziere der Verwendungsreihen 11 und 42 – sie sind der elementare personelle Bestandteil – durchlaufen in ihrer Ausbildung zum Bootsführer RHIB, neben der erweiterten Kraftbootausbildung für Küsten-, Binnengewässer und nautischer Weiterbildungen folgende Lehrgänge:
– GMDSS-Lehrgang (Global Maritime Distress and Safety System)
– Funk- und Fernmeldelehrgang Spezialkräfte
– Einzelkämpferlehrgang
– Fallschirmspringerlehrgang (automatik und manuell)
– Lehrgang Überleben See – Rettungsbootsmann, Ersthelfer (Combat First Responder) A/B
– Führerscheine zum Führen von militärischen KFZ Aus- und Weiterbildungen an allen in der Spezialoperationen- Bootsteam (KpfSchwKp) verwendeten Waffen
Die Soldaten sind in der Lage, Spezialkräfteoperationen der Kampfschwimmer bei Tag und Nacht, in allen Klimazonen durchzuführen, zu unterstützen und in Notlagen sich mit den Kampfschwimmereinsatzteams (KSET) durchzuschlagen. Hierbei gilt der Grundsatz: Nicht die Boote sind das spezielle, sondern ihre Crew! Das Spezialoperationen-Bootsteam befähigt die Kampfschwimmereinsatzteams zu schnellem Eindringen in gegnerisch kontrolliertes Gebiet (Operationen in der Tiefe), sei es in Küstengewässern, Deltabereichen oder über Flüsse bis weit in das Landesinnere.
Auf hoher See können die Boote für unterschiedliche Einsätze verwendet werden und spiegeln somit einen Teil der nationalen maritimen Reaktionsfähigkeit auf aktuelle Bedrohungen wieder. Die umfassende Ausbildung der Soldaten des SBTund der Einsatz von Kampfschwimmern als Boot- und Elementführern befähigt zu Einzeloperationen wie:
– Nachrichtengewinnung und Aufklärung auf See und an der Küste
– Patrouillen-, Überwachungs- und Abriegelungsoperationen
– Counter Improvised Explosives Device (C-IED) / Antiminen Maßnahmen
– Feuerunterstützung (unterschiedliche Kaliber) zum Schutz eigener Kräfte
– Infiltration und Exfiltration von Einsatzkräften
– Versorgungs- und Nachschubleistungen für Einsatzkräfte zur Unterstützung der Durchhaltefähigkeit
– Bewaffnete Rückführung von militärischen Kräften
– Evakuierung von bedrohtem, zivilem Personal
– Unterstützung der Streitkräfte von Aufnahmestaaten
– Unterstützung von CIMIC (engl. Civil- Military Co-operation) und OpInfo (Operative Information)
– Unterstützung von LEKE (Luftlandefähige Komponente für den Elektronischen Kampf zur Nahunterstützung im Einsatz)
– Suche und Rettung von Personal unter Bedrohung
Die seegestützte Führung und die u. A. bei Steadfast Jaguar und NOCO (Northern Coast Großübung der NATO, geführt durch die Deutsche Marine, gezeigte und harmonierende Zusammenarbeit mit den auf Marineeinheiten (z.B. Einsatzgruppenversorger EGV oder zukünftig F125) eingeschifften Hubschraubern der Marine, eröffnen weitere Fähigkeiten einer vorgeschobenen maritimen Basis (»Basis See«). Ausgerüstet mit Aufklärungsmitteln kann das Spezialoperationen-Bootsteam detektierbare Anomalien im Schiffsverkehr ausfindig machen und somit als ein Teil der „Maritime Surveillance“ zur Herstellung der „Maritime Situation Awareness“ in der Reaktionskette ihren Beitrag leisten. Operationen der Spezialkräfte, die Unterstützung anderer militärischer Kräfte sowie die Möglichkeit, humanitäre Unterstützung oder Maßnahmen bei Naturkatastrophen auch in Krisengebieten bis weit in die Binnengewässer durchzuführen, sind als weitere Handlungsalternativen in der Einsatzfähigkeit auch im Rahmen von streitkräfteübergreifenden Operationen zu sehen.
In der Positionsbestimmung des damaligen Inspekteurs der Marine, Vizeadmiral Wolfgang Nolting, heißt es: „Eine wichtige Aufgabe über und auf See ist auch die Krisenprävention und die Krisenbewältigung vor Ort, um den Export von Risiken und Gefahren nach Europa zu verhindern.“ (MarineForum 3-2010 S. 6). Der Einsatz der Kampfschwimmer/Spezialoperationen-Bootsteam als Seekriegsmittel oder in Spezialkräfteoperation in einer NATO-geführten Maritime Security Operation ist eine der Möglichkeiten, auch in sich ändernden Lagen sowie Bedrohungen, die Handlungsfähigkeit der Bundesrepublik Deutschland darzustellen und eine sachgerechte Risikovorsorge zu betreiben, wenn die Zielvorgabe ein militärisches Einwirken auf ein Krisengebiet von See her vorsieht.

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